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Bilingualer Unterricht

Es muss nicht immer der Mercedes sein. Perspektiven bilingualen Lernens.

      

Wie wird sich der bilinguale Sachfachunterricht in Zukunft entwickeln?

Darüber haben wir mit Professor Hartmut Ebke, dem ehemaligen Direktor des Staatlichen Seminars für Didaktik und Lehrerbildung in Tübingen, gesprochen.

Herr Ebke, der bilinguale Sachfachunterricht in Deutschland ist schon 30 Jahre alt. Wie sehen Sie die bisherige Entwicklung?

Bereits 1969 wurde der erste bilinguale Zug an einem Gymnasium in Deutschland eingeführt. Doch der Ausbau des bilingualen Unterrichtens kam nur sehr zögerlich voran. Das lag an der Konzeption, die ursprünglich die Stärkung des Fremdsprachenlernens in den Focus rückte. Die Anforderungen waren recht hoch, man hielt sich an die inhaltlichen Vorgaben des Lehrplans. Das war ein Modell für besonders begabte und engagierte Schüler.

1999 gab es – laut KMK-Bericht – 366 Schulen, die nach einem behutsamen Aufbau einige Sachfächer bilingual unterrichteten. 2006 waren es bereits 847 Schulen. Der Anstieg ist zwar rasant, aber das sind immer noch nur 3 % der Schulen in Deutschland. Ich denke, wir haben ein Potenzial von 30 %.

Wie ist die rasante Entwicklung in den letzten Jahren zu erklären?

Der Ausbau hängt damit zusammen, dass wir bezüglich der Lehrpläne einen neuen Weg gegangen sind: weg von der Aufzählung von Inhalten, die es zu absolvieren gilt, hin zu einer kompetenzorientierten Arbeit, weg von einer reinen Verbreiterung des Fremdsprachenlernens hin zu einem integrierten Konzept, auch weg von einem Modell nur für besonders begabte hin zu einem Angebot für alle Schülerinnen und Schüler.

Deswegen gefällt mir auch der englische Begriff "Content and Language Integrated Learning" (CLIL). Er weist darauf hin, dass es sich um ein Integrationskonzept handelt. Das Ineinander-Verwobensein von Sach- und Fremdsprachenunterricht ist das Erfolgsrezept. Hier dient die Sprache als Medium der Vermittlung und Verständigung.

Welche Entwicklung prognostizieren Sie für die nächsten Jahre?

Ich gehe davon aus, dass es einen weiteren Anstieg gibt. Es gibt sehr viele Initiativen in diesem Bereich, auch mit deutlicher Unterstützung der EU. Deshalb sagt ich eine eher exponentielle als lineare Entwicklung voraus.

Wie könnte der Ausbau des bilingualen Sachfachunterrichts aussehen?

Es gibt ein Modell, das ich den Mercedes des bilingualen Unterrichtens nenne. Dieses Modell findet in etablierten Zügen statt, mit festgelegten Sachfächern, die zunehmend in der Zielsprache unterrichtet werden. Hier gibt es eine eigene Abteilung und sogar zusätzliche Unterrichtstunden zur Unterfütterung des Sachfachunterrichts, Abschlüsse und Zertifikate.

Aber unterhalb dieses Modells gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, bilingual zu beginnen – sozusagen verschiedene Vorstufen vom Fahrrad über den Kleinwagen. So kann etwa ein Lehrer mit einer sechswöchigen Unterrichtseinheit im Fach Biologie in Englisch eine Initialzündung für die ganze Schule bewirken.

Oft ist es schwer, den Mercedes mit mehr Stundendeputat durchzusetzen. Eine Alternative ist da das Konzept, die Stunden für den Fremdsprachenunterricht ab Ende der Mittelstufe etwas zu reduzieren und dafür den Sachfachunterricht in der Zielsprache zu unterstützen. In dieser symbiotischen Form ändert sich nichts an der Gesamtstundenzahl, aber der Schwerpunkt verlagert sich hin zur Anwendung der Sprache.

Wie sehen Sie seine zukünftige Rolle in Berufsschulen?

Gerade im kaufmännischen Bereich, aber auch in der Hotellerie haben die Berufsschulen großes Interesse daran, die Sprachkompetenz mit der Sachfachkompetenz zu verbinden – und das sind auch die Kernbereiche, in denen an Berufsschulen zunehmend bilingual unterrichtet wird.

Das Interesse der Schulen korrespondiert aber nicht mit den Lehrkräften, die zur Verfügung stehen, und mit deren Kompetenz. Das Nadelöhr für den Ausbau ist die Frage, wie bekomme ich die kompetenten Lehrkräfte an meine Schule.

Wie sieht es in den Grundschulen aus?

Da gibt es ganz erfreuliche Entwicklungen. Immer mehr Bundesländer führen den Fremdsprachenunterricht in der Grundschule ein bzw. weiten ihn sogar aus. In Baden-Württemberg haben mittlerweile 100 % der Grundschüler von Klasse 1 bis 4 Fremdsprachenunterricht.

Dabei verfolgen wir nicht nur ein Begegnungskonzept, sondern einen ergebnisorientierten Fremdsprachenunterricht mit kommunikativer Progression. Das ist die Voraussetzung, um an den weiterführenden Schulen daran anschließen zu können. Ein weiteres wichtiges Prinzip ist zudem das fächerübergreifende Lernen. Doch beides verlangt eine – auch sprachlich – sehr kompetente Lehrkraft, da das Konzept sonst nicht wesentlich über Mitmachspiele und Nachsprechübungen hinauskommt – und das wäre schade.

Halten Sie engere Kooperationen mit anderen EU-Ländern für sinnvoll?

Die halte ich für ausgesprochen sinnvoll. Es gibt breite und unterschiedliche Erfahrungen in Europa, die wir beispielsweise in der EU-Arbeitsgruppe Fremdsprachen austauschen unter anderem mit dem Ziel, Beispiele guter Praxis zu definieren und breit bekannt zu machen. Die Verantwortung liegt letztlich bei jedem Land selbst, was es von den Anregungen umsetzt.

Es gibt europaweit eine große Bereitschaft, sich auf Modelle einzulassen, die dann auch zu einer Zertifizierung der Kompetenzen führen, die von anderen Ländern, auch deren Hochschulen, anerkannt wird. Im Jahr 2005 wurde – auf Initiative von Nordrhein-Westfalen – das Konzept "CertiLingua" ins Leben gerufen. Damit werden am Ende der Sekundarstufe II Sprachkompetenzen unter Einbeziehung bilingualen Unterrichtens zertifiziert. Voraussetzung sind unter anderem mindestens zwei Jahre Sachfachunterricht in der Zielsprache in der Sekundarstufe sowie die Beherrschung von zwei Fremdsprachen auf dem Niveau B2 des Europäischen Referenzrahmens. Die Pilotphase läuft bereits, die Ergänzung um "CertiLingua job" für Berufsschulen und "CertiLingua junior" für den Abschluss der Sekundarstufe I werden vorbereitet.

In der Pilotphase haben sich bereits acht Bundesländer dem Projekt angeschlossen. Außerdem sind die Niederlande, Österreich und Finnland beteiligt, Frankreich und Schweden sind sehr interessiert. Diese Initiative unterstützt ein Netzwerk bilingual unterrichtender Schulen und stellt zugleich klar definierte Anforderungen an Ergebnisse, die dann zur Mobilität der Studierenden und zur Öffnung der Hochschulen beitragen können.

Welche Auswirklungen hat der Ausbau des bilingualen Sachfachunterricht auf die Lehrerausbildung?

Das ist eine Herausforderung. Es gibt bereits in vielen Bundesländern Reaktionen darauf. In NRW, speziell im Studienseminar Bonn, gibt es beispielsweise eine enge Kooperation mit Hochschulen, die eine professionelle Vorbereitung von Lehrkräften auf bilingualen Unterricht zum Ziel haben.

In Baden-Württemberg gibt es an den pädagogischen Hochschulen der Rheinschiene das Europalehramt für den Grund-, Haupt und Realschulbereich, das die Lehrkräfte sehr fordert und zwei zusätzliche Semester kostet, aber eben sehr kompetente Lehrkräfte für die bilinguale Schularbeit ausbildet. Auch im Vorbereitungsdienst und im Referendariat für Gymnasien gibt es mittlerweile Ausbildungs- und Prüfungsordnungen für bilinguales Unterrichten.

Die EU hat in Brüssel eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aller Mitgliedsstaaten eingerichtet, die sich mit einem europäischen Profil für die Aus- und Weiterbildung von Sprachlehrkräften beschäftigt. Wir haben unter anderem Konsens in der Forderung: "Die angehenden Lehrkräfte erlernen die entsprechenden Methoden und Strategien, um ein Sachfach in der Fredsprache zu unterrichten".

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche mir eine große Vielfalt des "Ich-probiere-es-einmal-aus" von engagierten jungen Lehrkräften, die vielleicht im Ausland studiert haben und die Kompetenzen mitbringen. Ich wünsche mir die Offenheit der Ministerien, die den Schulen die Chance geben, ihre Initiativen auch in dauerhafte Strukturen umzusetzen und ich wünsche mir die Unterstützung in den Netzwerken, die gute Beispiele einer breiten interessierten Fachöffentlichkeit vermitteln können.


Das Gespräch führte Dagmar Giersberg. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

Copyright: Goethe-Institut, Online Redaktion, November 2007


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